Neue Impulse aus der Werkstatt

 

Wilhelm-Kempf-Haus in Wiesbaden Naurod

4. - 6. November 2022

 

2. Mitgliederwerkstatt der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse und Musik

Die Mitglieder sind herzlich eingeladen, ihre Musikinstrumente mitzubringen.

Unterkunft

In den Kosten für die Teilnahme sind die Unterbringung im Wilhelm-Kempf-Haus in einem Einzelzimmer sowie die volle Verpflegung für den Zeitraum der Mitgliederwerkstatt enthalten. Auf Wunsch (bitte unter symposion@psychoanalyse-und-musik.de angeben) stehen auch Doppelzimmer zur Verfügung.

Für die Unterkunft von Begleitpersonen finden Sie ausführliche Informationen unter

https://tourismus.wiesbaden.de

Anfahrt

Für die Anfahrt finden Sie Informationen bei

https://www.wilhelm-kempf-haus.de/anfahrt

Beschreibung der Gruppenveranstaltungen

Gemeinsames Singen

Teresa Pfefferkorn – Chorleiterin/Dirigentin, Musikerin, Musikpädagogin, Kirchenmusikerin 

Gemeinsames Singen verändert alles. 

Chorsingen bringt den Menschen in Kontakt: mit den anderen Singenden, mit sich selbst, der eigenen Stimme, dem Körper, den Empfindungen. Mit Grenzen und Ängsten, Möglichkeiten und Fähigkeiten. Singen ist gesund, bildet und macht glücklich.

Gemeinsam kann Disharmonie und Harmonie entstehen. Im Miteinander schärfen sich die Wahrnehmung und die Aufmerksamkeit fürs Innen und Außen. 

In den Tönen, die gemeinsam aus dem Nichts entstehen, werden Menschen vereint. Ein einzelner Moment musikalischer Erfüllung kann zu einer Ahnung von Ewigkeit werden. In Offenheit und Aufmerksamkeit trifft das Innerste der Musizierenden aufeinander und es wird eine Verbindung geschaffen, die bleibt.

Im Workshop stellen wir diese Behauptungen auf die Probe, indem wir uns im gemeinsamen Singen begegnen, vom Kanon über freie Improvisation bis zum Chorsatz.

 

Großgruppe

Christiane Bakhit – Gruppenanalytikerin an der Akademie für Psychoanalyse und Psychotherapie München

Die Großgruppe ist ein Ort, an dem wir alle als Teilnehmer oder Teilnehmerin der Mitgliederwerkstatt uns zusammensetzen und miteinander sprechen können. Zunächst ist es für jeden von uns nicht leicht, im größeren Kreis zu sprechen, aber mit der Zeit wird die Großgruppe zu einem sicheren Raum, in dem wir uns untereinander austauschen und Resonanz finden können. Deshalb ist es gut, wenn Sie möglichst beide Sitzungen besuchen, die jeweils 90 Minuten andauern.

Im Gespräch geht es in der Großgruppe eher assoziativ und auch emotional zu, da die TeilnehmerInnen in ihrem Austausch untereinander ihre persönlichen und übergreifenden Wünsche, Ideen und Ängste im Hier und Jetzt und in Bezug auf die Zugehörigkeit zur größeren Gruppe und Organisation erforschen. Dabei kommt vieles zur Sprache, was den Kontakt untereinander vertiefen und auch Differenzen manifest werden lassen kann. Diese Vielfältigkeiten und Gegensätze wahrzunehmen, anzuerkennen und möglicherweise zu verstehen, kann ein Ergebnis des Großgruppenprozesses sein.

Beschreibung der Impulsreferate

1. Empirische Erfassung von Veränderungsmomenten in der therapeutischen Interaktion mithilfe eines multimethodischen Vorgehens anhand eines Einzelfall aus der analytischen Psychotherapie.

Wir möchten bedeutende Veränderungsmomente in einer analytischen Stunde erfassen und untersuchen. Dazu gehen wir in unterschiedlichen Schritten vor: in einem ersten Durchlauf hören wir unabhängig voneinander die audiographierte Behandlungsstunde und beobachten im Sinne einer Gegenübertragungsanalyse unsere emotionale Reaktion auf die Interaktion der therapeutischen Dyade. Wir gehen davon aus, dass eine spürbare affektive Veränderung in der Gegenübertragung mit einem bedeutungsvollen Moment in der therapeutischen Interaktion für Patient und Therapeut einhergeht (Stern et al., 2012). Die übereinstimmenden unabhängig voneinander ausgewählten Sequenzen untersuchen wir in einem zweiten Schritt anhand von Musikalisierungen und GAT-2 Transkriptionen (vgl. Mahlstedt, 2022), um das Abstimmungsgeschehen genauer zu verstehen. Wir möchten auf diese Weise explorativ untersuchen, ob die von Buchholz et al. (2018) genannten Kriterien für Gegenwarts- und Begegnungsmomente für die verbale Ebene der Kommunikation sowie die Transformationsmechanismen nach Fisher auf der paraverbalen Ebene (vgl. Mahlstedt, 2021) die ausgewählten Sequenzen als Jetzt- oder Begegnungsmomente validieren können. 

Dr. Ingrid Erhardt, Psychoanalytikerin und Musiktherapeutin, München
Christopher Mahlstedt, Psychologe und freier Musiker, Berlin

 

2. Krisenfest durch Jazzimprovisation? 

Ein neugieriger Blick auf Resilienz und Ambiguitätstoleranz von Jazzmusiker*innen vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie.

Professionelle Jazzmusiker*innen sind in der gegenwärtigen Pandemie extremen wirtschaftlichen und sozialen Belastungen ausgesetzt. Neben Erwerbseinbußen bringt insbesondere die mit dem Mangel an Spiel- und Auftrittsmöglichkeiten verbundene Distanz zum Publikum erhebliche psychosoziale Belastungen mit sich.

Im Rahmen der Jazzstudie 2022 wurden Daten erhoben, deren Auswertung dazu beitragen soll, ein tieferes Verständnis für die Situation von Jazzmusiker*innen im Zuge des Durchlebens und der Bewältigung der Corona-Pandemie zu entwickeln. Wie gehen Jazzmusiker*innen mit der Krisensituation um? Welche Auswirkungen haben die Belastungen auf ihr Leben und Arbeiten? Im Kontext psychoanalytischer Diskurse werden Zusammenhänge zwischen Jazzimprovisation und allgemeiner Ambiguitätstoleranz untersucht, die in die Frage münden: Stellt die Befähigung zur Jazzimprovisation einen Schutzfaktor für die psychische Gesundheit dar?

Urs Johnen (Dipl.-Mus., M.A. Medien- und Kommunikationsmanagement, M.A. Leadership und Beratung) ist Geschäftsführer der Deutschen Jazzunion, freischaffender Musiker und psychoanalytischer Supervisor & Coach. 

 

3. Social Dreaming & Improvisation

Anknüpfend an den Workshop beim Züricher Symposion („Fremdes und Vertrautes in Musik und Psychoanalyse“), in dem wir uns mit dadaistischen Verwandlungen in Klangsprache und Traum beschäftigten, geht es nun darum zu erleben, wie (unsere) Träume verbalisiert und in eine musikalische Improvisation übertragen werden können. 

Beim Social Dreaming erzählen sich die Teilnehmenden ihre nächtlichen Träume. Es kann mit eigenen Traumfragmenten darauf Bezug genommen oder einfach zugehört werden. Durch das gegenseitige Mitteilen und Hören wird erlebbar, wie sich das verbundene und individuelle Unbewusste, das in Traumbildern erscheint, durch die subjektiven Narrative vermitteln lässt. Diese Äußerungen werden in einer sich anschließenden Improvisation ins Musikalische transformiert und auf diesem Wege verwandelt, verdichtet und in neuer Form sinnlich zugänglich. Dabei ist das Medium Musik der Dynamik des Träumens nahe: Wie sich der Traum beim Erwachen auflöst, so verschwindet die Musik mit dem letzten Ton.

Annegret Körber, Dipl.-Musiktherapeutin, Gruppenlehranalytikerin, Rostock

 

4. Das Unaussprechliche der Musik und unsere Versuche, Worte zu finden

Am Beispiel einer Beethoven-Reprise möchte ich die Grundproblematik allen Redens über Musik, ob psychoanalytisch, musikwissenschaftlich, philosophisch, etc., in den Blick nehmen. Wie kommt es, dass ein und dasselbe Musikstück bisweilen extrem unterschiedlich interpretiert werden kann? In welchem Verhältnis stehen die Wirklichkeit des Erklingenden und alle Versuche, deren unaussprechliches Bedeutungspotential in Sprache zu fassen? 

Vorgehen: 

Gemeinsames Hören eines Musikstücks, Austausch über Höreindrücke und Bedeutungszuschreibungen; Präsentation und Kommentierung zweier extremer musikwissenschaftlicher Deutungen, Versuch, daraus Schlüsse für die Beantwortung der obigen Fragen zu ziehen.

Prof. em. Dr. Hartmut Möller, Musikwissenschaftler, Rostock

 

5. Frank Zappa und die konzeptuelle Kontinuität – Autopoiesis als Reparaturversuch

Als Ikone der Gegenkultur, Genie, Clown des Rock´n´Roll, Kontrollfreak und der Mann auf dem Klo ging Frank Zappa in die Musikgeschichte ein. Trotz mehr als 100 veröffentlichter Alben und Jahrzehnten der Bühnenpräsenz blieb er ein „bekannter Unbekannter“, dessen Musik nur begrenzt Eingang in den Popkanon fand. Er war Komponist, Bandleader, Gitarrist, Sänger, Produzent und Filmemacher, sein Spektrum reichte von Teenager-Hymnen über R´n´B, Jazz, Progressive Rock bis zu orchestralen Werken. Vor dem Hintergrund wichtiger Aspekte seiner Lebensgeschichte, vor allem der Migration des Vaters und mehrerer Umzüge innerhalb der USA mit belastenden Kontaktabbrüchen und biografischen Diskontinuitäten, kann die zentrale Bedeutung der synthetischen Verbindung disparater Einflüsse zu Collagen mit dem Ziel einer „konzeptuellen Kontinuität“ (FZ) seines gesamten Schaffens als origineller Reparaturversuch des Künstlers verstanden werden.

Dr. med. Hannes Uhlemann, Arzt für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychoanalyse, Inhaber der Galerie „Hunchentoot“, Berlin